Bewertung
5 Stimmen
Mit dem Abbau der Stadtmauern rund um Wien Mitte des 19. Jahrhunderts wurden große Freiflächen in unmittelbarer Nähe des Stadtzentrums verfügbar. Daraus ergab sich die Gelegenheit, eine große Prachtstraße zu errichten, die Ringstraße.
Bei Fertigstellung der Ringstraße Ende des 19. Jahrhunderts war sie von stattlichen Bauwerken flankiert, die politische und Kultureinrichtungen beherbergten. Die Prachtstraße wirkt noch heute so eindrucksvoll wie in den zwielichtigen Zeiten des Habsburger Reiches, wenn auch ein Spaziergang dort aufgrund des modernen dichten Verkehrs etwas weniger reizvoll ausfällt.

Burgtor, Wien
Das Burgtor, ein Überbleibsel
der Stadtmauern
Glücklicherweise ist sie bestens an die U-Bahn angebunden, und alle wichtigen Wahrzeichen entlang der Ringstraße sind von der U-Bahn aus bequem zu Fuß erreichbar.

Geschichte

Im frühen 19. Jahrhundert, als die meisten europäischen Städte ihre mittelalterlichen Mauern bereits abgerissen hatten, war Wien noch von einer großen Stadtmauer umringt, mit Bollwerken befestigt und von einem Glacis umgeben.

Selbst als die Bedrohung durch eine osmanische Invasion abgeklungen war, betrachteten die konservativen Militäroberhäupter die Mauer als strategisch bedeutsam, und zahlreiche Pläne zur Modernisierung und Erweiterung der Stadt wurden nie umgesetzt. Bereits Napoleon hatte mit seinen Einmärschen in Wien 1805 und abermals 1809 (als er Teile der Befestigungsanlagen sogar abreißen ließ) demonstriert, dass die Mauern eine moderne Invasionsstreitmacht nicht aufhalten konnten.

Im Dezember 1857 beschloss Kaiser Franz Joseph I. schließlich den Abriss der Befestigungen und den Bau einer prestigeträchtigen Prachtstraße anstelle des Glacis. Das ambitionierte Projekt sollte Wien in eine moderne Stadt verwandeln, die Berlin oder Paris das Wasser reichen konnte.

Naturhistorisches Museum, Wien
Naturhistorisches Museum
Die Entscheidung des Kaisers bedeutete den Beginn eines Projekts epischer Größenordnung. Franz Joseph selbst trug mit seiner Vision eines Kaiserforums dazu bei, was letztlich zum Bau der Neuen Burg, des Kunsthistorischen Museums und des Naturhistorischen Museums führte. Zur Beruhigung des Militärs wurden einige Zugeständnisse gemacht: Die Ringstraße wurde breit genug gestaltet, um Truppenmanöver zu gestatten, und die ersten Gebäude, die entlang der Ringstraße errichtet wurden, waren Kasernen. Dies sollte dem Militär erlauben, Aufstände armer Proletarier aus den Vororten möglichst leicht niederzuschlagen.

In jener Zeit allerdings verlor die Habsburger Dynastie allmählich ihre eiserne Kontrolle über das Land, und viele neue Gebäude symbolisierten diese Entwicklung: Insbesondere das Parlament, eine Volksversammlung in klassischem griechischem Stil und ein Verweis auf Griechenland als Wiege der modernen Demokratie.

Parliament, Wien
Parlament
Offiziell war der Bau der Ringstraße 1880 abgeschlossen, und in einer kurzen Zeitspanne von weniger als 25 Jahren war die Gegend von einem sprichwörtlichen Brachland in eine herrliche Prachtstraße verwandelt worden, an der monumentale Wahrzeichen thronten.

Die Straße

Die Ringstraße, auch einfach als der Ring bekannt, ist eine fünf Kilometer lange, hufeisenförmige Prachtstraße, die am Donaukanal anfängt und endet. Zusammen mit dem Kanal umringt die Straße das historische Zentrum von Wien vollständig. Hier ändert sich die Atmosphäre völlig. Anstelle schmaler, uneinheitlicher Straßen finden sich plötzlich große Freiflächen und monumentale Bauwerke. Die Ringstraße ist in Abschnitte unterteilt, von denen alle verschiedene Namen tragen. Sie beginnt im Norden mit dem Schottenring und führt entgegen dem Uhrzeigersinn zum Stubenring im Nordosten.

Sehenswürdigkeiten entlang der Ringstraße

Schottenring

Börse, Wien
Börse
Das erste gewaltige Gebäude nahe der Ringstraße ist die Rossauer Kaserne, eine große, rote Backsteinkaserne, die zwischen 1865 und 1869 erbaut wurde. Sie wurde zusammen mit dem Arsenal und den ehemaligen kaiserlichen Kasernen am Stubenring errichtet, um jedweden potenziellen Aufstand zu unterdrücken.

Das wichtigste Gebäude am Schottenring ist die Börse, beziehungsweise das Gebäude, in dem sie früher ansässig war. Der dänische Architekt Theophil Hansen errichtete diesen Ziegelbau im Jahr 1877 im Neorenaissancestil, da die Ära der Renaissance zugleich die Entwicklung des modernen Bankenwesens einläutete.

Am Ende des Schottenrings grenzt die Votivkirche an den Sigmund-Freud-Park, eine große neugotische Kirche, die von Heinrich von Ferstel entworfen wurde. Der Bau der Kirche hatte bereits 1856 begonnen, noch bevor der Abriss der Stadtmauern beschlossen wurde.

Dr.-Karl-Renner-Ring und Dr.-Karl-Lueger-Ring

Rathaus, Wien
Rathaus
Dieser Abschnitt des Rings ist nach zwei Wiener Bürgermeistern benannt, und dementsprechend wurde hier auch das Rathaus errichtet. Das neugotische Gebäude mit seinem kathedralenartigen Turm steht ein Stück abseits der Ringstraße. Vor dem Rathaus liegt der Rathauspark, eine von mehreren Parkanlagen entlang des Rings. Im Norden grenzt das Hauptgebäude der Universität an den Park, eine weitere Schöpfung Heinrich von Ferstels. Inspiriert von seiner Reise durch Italien entschied es sich nun für einen Entwurf in italienischem Renaissancestil.

Zu den eindrucksvollsten Gebäuden an der Ringstraße zählt das Parlament südlich des Rathausparks. Das in griechischem Stil gehaltene Parlament zeigt eine riesige klassizistische Front und ist mit Statuen, Reliefs und Skulpturengruppen verziert. Ein großer Brunnen am Fuße des Bauwerks zeigt eine Statue der griechischen Göttin Pallas Athene auf einem hohen Sockel.

Burgtheater, Wien
Burgtheater
Gegenüber dem Rathaus steht das Burgtheater, ein herrliches Gebäude, das 1888 als neues Hofburgtheater eröffnet wurde. Es wurde von Karl Hasenauer und Gottfried Semper entworfen und mit Deckengemälden von Gustav Klimt und Franz Matsch dekoriert.

Südlich des Theaters liegt der Volksgarten. Der Park wurde zwischen 1820 und 1823 angelegt, nachdem Napoleon einen Teil der Befestigungsanlagen um die Hofburg abgerissen hatte. Inmitten des Volksgartens steht ein Nachbau des antiken Tempel des Hephaistos.

Ein letztes bemerkenswertes Gebäude in der Nähe dieses Ringabschnitts ist der Justizpalast, ein Neorenaissance-Bauwerk von Alexander Wielemans von Monteforte. Sein Atrium ist von einer prächtigen Glaskuppel überdacht.

Burgring

Gegen den Uhrzeigersinn führt die Ringstraße weiter in den Burgring. Hier plante Franz Joseph einst sein Kaiserforum, eine Erweiterung der Hofburg.
Maria-Theresien-Platz, Wien
Maria-Theresien-Platz
Zentrum des Kaiserforums war der Heldenplatz, der direkt nördlich des Burgrings liegt. Nur einer von zwei geplanten Flügeln der Neuen Burg steht heute am Heldenplatz und beherbergt eine Reihe an Museen.

Im Süden des Burgrings liegt der Maria-Theresien-Platz. Die beiden gespiegelten Bauwerke am Platz, die sich symmetrisch gegenüberliegen, wurden gebaut, um die kaiserliche Kunstsammlung und weitere Stücke auszustellen. Die prächtigen Gebäude des Kunsthistorischen und Naturhistorischen Museums wurden von Gottfried Semper in einem Neorenaissancestil mit monumentalen Marmorsäulen und ausfallenden Treppenaufgängen entworfen. Südöstlich des Maria-Theresien-Platzes finden sich die ehemaligen Hofstallungen, die heute das MuseumsQuartier bilden.

Opernring

Wie der Name bereits andeutet, ist dieser Abschnitt der Ringstraße nach der Staatsoper benannt. Entworfen wurde das Opernhaus von Eduard van der Nüll und August Siccardsburg in einem Renaissancestil nach italienischer Art und wird von seiner wunderschönen Loggia umrahmt.

Opern, Wien
Opernhaus
Seit Bau der Ringstraße war hier schon immer die überfüllteste Gegend des Rings: Hier kreuzt er die Kärntner Straße, eine beliebte Einkaufsstraße, die geradewegs zum Stephansplatz im Herzen der Altstadt führt.

Nördlich des Opernrings grenzt der Burggarten an, der im frühen 19. Jahrhundert als Privatgarten der Kaiserfamilie angelegt wurde.

Kärntner Ring

Hier tritt die Ringstraße neben dem südlich gelegenen Karlsplatz in den Hintergrund, der all die Wahrzeichen scheinbar magisch anzog – insbesondere die herrliche Karlskirche. Der Kärntner Ring führt zum Schwarzenbergplatz, einem großen Platz, der nach einem der zahlreichen historischen Kriegshelden von Österreich benannt ist – Prinz Karl Philipp von Schwarzenberg.

Schubertring und Parkring

Stadtpark, Wien
Stadtpark
Ein kurzer Ringstraßenabschnitt namens Schubertring (benannt nach dem österreichischen Komponisten Franz Schubert) verbindet den Schwarzenbergplatz mit dem Parkring. Hier wurde zwischen 1858 und 1862 der Stadtpark angelegt. Der in englischem Landschaftsstil gehaltene Park ist die größte Parkanlage an der Ringstraße. Die beliebteste Sehenswürdigkeit im Park ist eine äußerst extravagante Statue von Johann Strauss Sohn.

Stubenring

Der Stubenring bildet den letzten Abschnitt der Ringstraße und endet am Donaukanal. Das erste Gebäude am Stubenring ist das Museum für Angewandte Kunst (MAK), eine weitere Schöpfung Heinrich von Ferstels. Das Ziegelgebäude im Neorenaissancestil wurde zwischen 1867 und 1871 errichtet.

Regierungsgebaude, Wien
Das ehemalige Kriegsministerium
Die monumentalen Bauwerke am Ende des Stubenrings wurden 1912 als Büros für das Kriegsministerium errichtet. Der bombastische, neobarocke Entwurf stammt von Ludwig Baumann. Vor der Anlage steht eine Reiterstatue von Josef Wenzel Radetzky, einem österreichischen General, der Johann Strauss Vaters berühmten Radetzky-Marsch inspirierte.

Auch die Postsparkasse ist hier einen Blick wert, 1906 nach einem Entwurf von Otto Wagner erbaut. Wagner ist für seine zahlreichen Jugendstil-Gebäude in Wien wohlbekannt, doch hier erschuf er ein modernistisches Bauwerk, das seiner Zeit voraus war. Das helle, glasverkleidete Atrium ist jederzeit einen Besuch wert.
3762
vienna
de
x
© 2017 www.aviewoncities.com